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Viera Baèová: Warum akzeptieren Frauen ihre gesellschaftliche Benachteiligung?

Dieser Beitrag handelt jedoch auch davon, dass die Menschen oft ihrem eigenen Erleben und ihren Erfahrungen nicht trauen. Im Gegenteil, sie tendieren dazu, ihre Gefühle zu unterdrücken und das zu glauben, was das gesellschaftliche System, in dem sie leben, ihnen vorgibt und von ihnen verlangt.

About Viera Baèová // Publication details

Verschiedene Arten des Gebrauchs und der Wahrnehmung von Macht

„Der Nachdruck, den Priester und Diktatoren auf die Notwendigkeit zweier Welten legen (Männerwelt und Frauenwelt), beweist hinreichend, dass es im Grunde um die Vorherrschaft geht.“
Virginia Woolf

In Statistiken, Analysen und Romanen finden wir viele Beweise für die Benachteiligung der Frauen im Vergleich zu den Männern. Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen, dass ich an erster Stelle Statistiken, Berichte und Romane anführe und nicht die alltäglichen Erfahrungen von Frauen mit ihrem - untergeordneten, unvorteilhaften und weniger geschätzten – Platz in der Gesellschaft, ihre Erfahrungen damit, dass die ihnen zugewiesenen und von ihnen ausgeführten Arbeiten für weniger wichtig und bedeutend gehalten werden als die von Männern verrichteten Arbeiten.

Dieser Beitrag handelt jedoch auch davon, dass die Menschen oft ihrem eigenen Erleben und ihren Erfahrungen nicht trauen. Im Gegenteil, sie tendieren dazu, ihre Gefühle zu unterdrücken und das zu glauben, was das gesellschaftliche System, in dem sie leben, ihnen vorgibt und von ihnen verlangt. Das Gesellschaftssystem hat die Tendenz zu bestimmen, was die Leute glauben und für wahr halten sollen, selbst wenn ihnen ihr eigenes Gefühl das Gegenteil anzeigt.

Die Gesellschaft sagt uns, was wir für gut und schlecht, für richtig und falsch, für gerecht und ungerecht, für notwendig und unnötig halten sollen. Von Geburt an werden uns Normen, Werte und Umgangsweisen mit bestimmten Menschen aufgepfropft. Man präsentiert uns stereotypisierte Bilder von Eigenschaften bestimmter Menschengruppen, z.B. von Männern und Frauen, die wir später übernehmen und als „normal“, selbstverständlich und unhinterfragbar voraussetzen. Selbst wenn sie im Widerspruch stehen zu dem, was wir selbst als richtig, gut und gerecht empfinden, müssen wir zur Klärung dieser Dinge oft einen langen Weg zurücklegen.

Handeln wir immer im eigenen Interesse?

Wir halten es für selbstverständlich, dass Menschen ihre Bedürfnisse und Interessen wie auch die Interessen der Gruppe, zu der sie gehören, zu befriedigen versuchen. Die Psychologie behauptet, dass die Interessen der Menschen nicht nur wirtschaftlicher Natur sind, sondern dass auch ein positives Bild von sich selbst dazu gehört: Die Menschen nehmen sich positiv wahr, sie verlangen einen gerechten Umgang, Respekt und Achtung gegenüber ihnen und ihrer Gemeinschaft.

In psychologischen Lehrbüchern finden wir Untersuchungsergebnisse, die sagen: Die Menschen glauben, dass sie wichtig und kompetent sind, gut beurteilt werden und persönlich „besser als der Durchschnitt“ sind. Die Mehrheit der Menschen ist davon überzeugt, dass „ihre“ Gruppe besser ist als die anderen, und sie verteidigt eine für sie vorteilhafte Sozialpolitik und entsprechende Maßnahmen. Psychologie und Soziologie, aber auch Politiker und viele Leute ohne einschlägige Fachkompetenz begreifen die Menschen als Wesen, die versuchen ihr materielles Wohl, ihr Selbstbild und ihre Selbsteinschätzung zu fördern. Es zeigt sich jedoch, dass ein solches Verständnis viel zu einfach und geradlinig ist. Viele Menschen handeln zum Beispiel anders als sie denken und fühlen; viele schützen ihre eigenen Interessen und die ihrer Gruppe nicht. Der Psychologe J. T. Jost hat zusammen mit seinen MitarbeiterInnen im Jahr 2003 festgestellt, dass ausgerechnet arme und sozial niedrig eingestufte Menschen das Gesellschaftssystem, in dem sie gegenüber anderen Gruppen benachteiligt sind, positiv bewerten, unterstützen, ja fast „schützen“.

Zur Untermauerung der Feststellung, dass die Haltungen und Meinungen der Menschen, insbesondere der benachteiligten, mit ihren eigenen Interessen und Bedürfnissen kollidieren, führe ich einige Forschungsergebnisse zur Stellung der Frau in der Slowakischen und in der Tschechischen Republik an:

- Bei ihrer Untersuchung aus dem Jahre 1995 haben Z. Bútorová u. a. (1996) auf der Grundlage einer repräsentativen Auswahl von Männern und Frauen konstatiert, dass die Frauen im allgemeinen ihre benachteiligte Stellung nicht als falsch beurteilen, obwohl die Männer die Frauen im Vergleich zu den Männern für benachteiligt halten und die Frauen das auch selbst so sehen; sie halten ihre Benachteiligung für natürlich gegeben und normal.

- K. Pošíková hat in ihrer Untersuchung im Jahre 1999 festgestellt, dass die tschechischen Frauen nicht nur weniger verdienen, sondern auch erwarten, dass sie für die gleiche Arbeit weniger verdienen als die Männer. Pošíková hat die arbeitsmäßige und professionelle Selbsteinschätzung der tschechischen Frauen mit Hochschulbildung genau ermittelt und festgestellt, dass Frauen mit 84% des zu erwartenden Durchschnittsverdienstes rechnen, Männer dagegen mit 115%.

- Im Jahre 1999 haben wir bei unserer Untersuchung von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten (Baèová, Mikušová 2001) festgestellt, dass Mädchen einen großen Unterschied wahrnehmen zwischen dem, wie mit Frauen in der heutigen Berufswelt umgegangen wird, und dem, wie mit ihnen umgangen werden sollte. Als wir sie fragten, was sie selbst für richtig halten, waren sie für die gegenwärtig angewandten Normen.

- Auch weitere Ergebnisse (Èermáková, Navarová 1991; Èermáková 1995; Bútorová u.a. 1996; Supeková 1997) sagen aus, dass Frauen ein niedrigeres Gehalt erwarten, Hemmungen haben sich durchzusetzen, weniger Interesse am politischen Geschehen zeigen und sich trotz Über- und Doppelbelastung nicht wehren – sie sind schwach organisiert, passiv und resignierend.

Die Theorie der Entschuldigung des Systems

Um das Phänomen zu erklären, dass die Überzeugungen von Personen hinsichtlich des sozialen Systems nicht immer mit den Interessen der betreffenden Person und ihrer Gruppe übereinstimmen, hat die amerikanische Sozialpsychologie eine Theorie aufgestellt, die sogenannte Theorie der Entschuldigung des Systems (Jost, Banaj 1994). Diese Theorie behauptet, dass die Menschen geneigt sind zu glauben, die soziale Ordnung sei gerecht und notwendig. Sie halten das gesellschaftliche System und seine Autoritäten für fehlerlos. Die Ungleichheit zwischen den Menschen nehmen sie als legitim und sogar als unumgänglich wahr. Aufgrund dieser Ungleichheit werden bestimmte Leute – zu denen sie sich selbst rechnen – als „weniger wertvoll“ eingestuft. Diese Überzeugung steht im Widerspruch zum Bedürfnis, ein positives Selbstbild zu haben und die eigene Gruppe bevorzugen – dennoch halten die Menschen daran fest.

Die Autoren dieser Theorie führen an, dass gerade bei Menschen, die vom System benachteiligt werden, das psychische Bedürfnis, das geltende Sozialsystem sowie dessen Autoritäten und Konsequenzen zu entschuldigen, zu unterstützen und zu verteidigen, stärker ist als bei Menschen, die von diesem System profitieren. Warum entschuldigen die Leute ein System, auch wenn es ihren Interessen und ihrem Selbstbild schadet? Die Antwort ist, dass die Menschen das System als stabil und legitim wahrnehmen wollen. Warum brauchen die Menschen soziale Stabilität, also das Gefühl, das System sei begründet und berechtigt? Einfach deshalb, weil es sich so (psychologisch gesehen) besser leben lässt.

Die Psychologie hält noch weitere, detailliertere Erklärungen bereit, die ich hier kurz erwähne:

Die Eigenart der Erkenntnisprozesse liefert eine erste Erklärung dafür, warum Menschen ein ungerechtes Sozialsystem entschuldigen. Wenn wir etwas erkennen wollen, suchen wir Konsistenz und setzen sie auch dort voraus, wo wir keine finden. Bei unserem Erkenntnisstreben sind wir konservativ, oft vereinfachend, denn wir wollen Unbestimmtheit und eigene Unsicherheiten reduzieren; wir brauchen Struktur und Geschlossenheit.

Die zweite Gruppe von Begründungen entstammt dem Motivationsbereich: der Furcht vor den möglichen Folgen der Gleichheit, dem (wenn auch illusorischen) Verlangen nach Kontrolle und dem Glauben an eine gerechte Welt. Die Erkenntnis- und Motivationsprozesse werden bei der sogenannten Rationalisierung des gegebenen Zustandes angewandt – Entschuldigung und „vernünftige“ Begründung des gegenwärtigen Zustands helfen uns dabei, dass wir uns besser fühlen und Gefühle von Schuld und Unbehaglichkeit gering halten.

Zur Tendenz, ein ungerechtes Gesellschaftssystem zu entschuldigen, trägt auch die politische Sozialisation bei, desgleichen die Kontrolle durch übergeordnete Gruppen, und zwar aufgrund der ihnen gegebenen Möglichkeit, untergeordnete Gruppen zu belohnen und zu bestrafen.

Angehörige benachteiligter Gruppen, die das System entschuldigen, fühlen sich – trotz aller Entschuldigungen – psychisch unwohl. Soziale Ungleichheit ruft die Unvereinbarkeit und Gegensätzlichkeit der Meinungen („ideologische Dissonanz“) hervor. Ihre Benachteiligung weist die Menschen gewissermaßen darauf hin, dass sie sich für „mitbeteiligt und schuldig“ halten sollten, weil sie mit ihrer Friedfertigkeit und ihrem Einverständnis zur Erhaltung des bestehenden ungerechten Zustands beitragen.

Jost und seine Kollegen haben in ihren Untersuchungen (1994) festgestellt, dass „Frauen und andere Gruppen mit niederem Status“ widersprüchliche Haltungen gegenüber den Angehörigen ihrer Gruppe einnehmen. Die Theoretiker erklären das damit, dass benachteiligte Personen zwischen zwei gegensätzlichen Sympathien (Loyalitäten) „festsitzen“: einerseits gegenüber ihrer Gruppe und andererseits im Hinblick auf das weiter gefasste Sozialsystem, dessen Teil sie sind.

Doch nicht immer entschuldigen Angehörige benachteiligter Gruppen das System. Die Entschuldigung des Systems hängt beispielsweise auch davon ab, ob sich die Leute mit ihrer Gruppe identifizieren. Benachteiligte Menschen werden den herrschenden Zustand stärker entschuldigen, wenn die Interessen ihrer Gruppe unsichtbar, unausgedrückt bleiben. Daraus könnte folgen, dass benachteiligte Menschen ein bestehendes System weniger entschuldigen, wenn es eine breite und bekannte Bewegung gegen dieses System gibt, mit der sie sich identifizieren können. Die Leute entschuldigen die Folgen einer Sache auch dann eher, wenn sie das Gefühl haben, wählen zu können, z.B. wenn es durch freie Wahlen zu einer politischen Entscheidung kommt.

Dies sind grundlegende Thesen einer verhältnismäßig neuen, bei uns bislang unbekannten sozialpsychologischen Theorie, der Entschuldigung eines Systems. Diese Theorie erklärt vieles in Bezug auf das Handeln und die Haltungen benachteiligter und untergeordneter Gruppen. Auch die Forschungsergebnisse zur Stellung der Frauen in der SR und der ÈR könnten im Licht dieser Theorie, die sich um eine neutrale fachliche Erkenntnis der „Tendenzen in der Psyche der Menschen“ und der „sozialen Mechanismen“ bemüht, erhellt werden. Sie trägt zweifellos dazu bei, auf den Druck hinzuweisen, unter dem die jeweils bestehende Gesellschaftsordnung und die Beziehungen unter den gesellschaftlichen Gruppierungen akzeptiert werden. Die Frage, „wer vom gesellschaftlichen System profitiert und wer benachteiligt wird und warum“, stellt sich diese Theorie nicht, weil sie auf die Beantwortung der Frage abzielt, „warum Menschen ein Gesellschaftssystem, das sie benachteiligt, akzeptieren und entschuldigen“.

Systementschuldigende Ideologien

Wenn wir jedoch weiter nachfragen und beispielsweise wissen wollen, welche Erklärungen und Begründungen für das System den Benachteiligten gegeben werden, erhalten wir ein komplexeres Bild dieses Problems. Nennen wir das konkrete soziale System beim Namen. Machen wir uns bewusst, wer die Macht hat, die gesellschaftlichen Verhältnisse und Spielregeln zu bestimmen; wer definiert, wie man die Dinge zu verstehen hat; wer bestimmt, was „wahr“ ist bei der Erforschung und Begründung der Beziehungen zwischen einzelnen Gruppen von Menschen.

Die Ideologien und Stereotypen der Unterordnung, die Angehörige untergeordneter Gruppen oft akzeptieren, werden von jemandem gemacht. Es sind dies die dominanten Gruppen – dominant in Bezug auf Rasse (Weiße), Herkunft (höhere und mittlere Klasse), Religion (Christen), Kultur (westeuropäische und US-amerikanische Kultur) und Geschlecht (Männer) oder in anderer Weise (z.B. Studium an einer Eliteschule) -, welche das System oder auch den höheren Wert der Herrschenden propagieren und aufrecht erhalten.

Da dies eine Publikation über Geschlechterstereotypen bzw. Beziehungen zwischen Männern und Frauen und über Meinungen zu Männern und Frauen ist, konzentriere ich mich auf Ideologien und Stereotypen, welche die Superiorität (Überlegenheit, Vollkommenheit und Höherwertigkeit) der Männer und die Inferiorität (Unterlegenheit, Mangelhaftigkeit und Minderwertigkeit) der Frauen behaupten.

Im Jahr 2000 veröffentlichte eine renommierte Zeitschrift für Psychologie die interkulturelle Untersuchung von P. Glicka und S. T. Fiske: Antworten von mehr als 15.000 Frauen und Männern in neunzehn Staaten (in USA, Kanada, Australien und Europa) auf Fragen zum Sexismus. In den erforschten Kulturen stellten sie ein unterschiedliches Maß am „feindseligen“ und „freundlichen“ Sexismus fest.

Sexismus ist ein Begriff, der die unterschiedlichen Benachteiligungen von Frauen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht sowie Formen der Machtausübung von Männern gegenüber Frauen bezeichnet. Die Autoren und Autorinnen der Untersuchung unterscheiden zwei Formen von Sexismus: den benevolenten (freundlichen, nachgiebigen, wohlwollenden) und den hostilen (feindseligen, wütenden, ärgerlichen).

Der Begriff „benevolenter (freundlicher, entgegenkommender, wohlwollender) Sexismus“ ist paradox. Er bedeutet so etwas wie „wohlwollende Benachteiligung“, Schutz und Nachgiebigkeit gegenüber jenen, die für weniger wert gehalten werden. Während Feindseligkeit bei Frauen als Beleidigung, Demütigung und Nichtanerkennung ihrer Rechte wahrgenommen wird und Ablehnung hervorruft, gewinnt der „freundliche, entgegenkommende Sexismus“ ihre Zustimmung und macht sie gefügig und nachgiebig. Daher nahmen die Autoren in ihren Sexismus-Fragebogen auch die Behauptung auf, Frauen seien „bewunderungs- und verehrungswürdige reine Wesen“, die aber gleichzeitig „schwach und schutzbedürftig“ sind.

Der „feindselige (hostile) Sexismus“ spricht offen von weiblicher Minderwertigkeit. Mit der wachsenden Anerkennung politischer, sozialer und geschlechterbezogener Gleichheit werden direkte Äußerungen über die Minderwertigkeit von Frauen z.B. in den USA stark abgelehnt. Die wachsende Gleichberechtigung der Frauen bedroht jedoch die traditionelle Überordnung der Männer. Deshalb ist der feindselige Sexismus auch nicht verschwunden, sondern hat lediglich eine andere Gestalt angenommen. Er richtet sich nun gegen Frauen, welche die Macht und Autorität von Männern anzweifeln (z.B. Feministinnen), von Männern begehrte Stellen besetzen (Frauen, die Karriere machen) und desgleichen gegen Frauen, welche die Sexualität von Männern zu kontrollieren versuchen (Frauen als „Verführerinnen“ jeglicher Art).

Woher kommt die feindselige Haltung gegenüber Frauen? Darauf antworten die Autoren, dass es die Vorherrschaft (Dominanz) der Männer sei, die feindliche Haltungen gegenüber Frauen hervorruft. Diese Dominanz hat tiefe historische Wurzeln. In den gegenwärtigen Humangesellschaften wird die Vorherrschaft mit Hilfe der Geschlechterstereotypen festgelegt, vollzogen und gestärkt.

Das Patriarchat ist ein soziales System, in dem die Macht vorwiegend in der Hand der Männer liegt, das ihre Interessen befriedigt und in dem Männer bestimmen, was gemacht wird.

In den gegenwärtigen Humangesellschaften werden Männern und Frauen verschiedene soziale Rollen, Arbeitsplätze und unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben; dies bezeichnet man als Geschlechterdifferenzierung.

Sexualität (sexuelle Reproduktion) wird eng mit den sozialen Rollen verknüpft. Die soziale Rolle der Frauen in patriarchalischen Gesellschaften ist das Gebären und Aufziehen von Kindern.

Patriarchat, Geschlechterdifferenzierung und Sexualität (sexuelle Reproduktion) werden kombiniert und erzeugen so einerseits den „feindseligen Sexismus“ und andererseits den „freundlichen, entgegenkommenden Sexismus“.

Dies geschieht folgendermaßen: Obwohl die Männer dominieren, verlassen sie sich, was Hausarbeit, Produktion und Erziehung der Nachkommenschaft, Erfüllung ihres sexuellen Verlangens und ihres Bedarfs an Intimität betrifft, auf die Frauen. Daher überlassen sie den Frauen die Macht in den intimen Beziehungen. Diese Abhängigkeit erzeugt bei den Männern Entgegenkommen und Freundlichkeit, während sie den Frauen Schutz aufzwingt. Der „freundliche Sexismus“ ist sexistisch, weil er den Frauen Unterordnung, Abhängigkeit, Hilflosigkeit und Unselbständigkeit beschert. Auf den ersten Blick erscheint er als positiv, denn er charakterisiert (zumindest einige) Frauen als wundervolle, reine Wesen, deren Liebe nötig ist, um „aus dem Mann einen ganzen Menschen zu machen“.

Der „freundliche Sexismus“ mildert die versteckte feindliche Haltung gegenüber Frauen dadurch ab, dass er sie in „gute“ und „schlechte“ Frauen einteilt. Gut sind z.B. Hausfrauen. Schlecht sind Frauen, die Karriere machen, selbständig sind und sich nicht genug um ihre Familie kümmern. Die „freundlich sexistischen“ Männer werden häufig als „Gönner“ und „Beschützer“ der Frauen wahrgenommen. Selten fällt diesen jedoch ein, Frauen beispielsweise zur Selbstverteidigung anzuleiten. Im Gegenteil – sie sind für die Beibehaltung einer Kleidung und von Verhaltensweisen, die ihnen bei der Selbstverteidigung ausgesprochen hinderlich sind. Der „freundliche Sexismus“ hilft, die Feindseligkeit der Männer zu entschuldigen und deren Vorbehalte gegenüber Frauen zu verdecken, indem sich die Feindseligkeit nur gegen Frauen richtet, die sie „verdienen“.

Beide Formen des Sexismus haben dasselbe Ziel – Frauen sollen nicht Autonomie und Unabhängigkeit anstreben, sondern sich darum bemühen, die Anforderungen der Männer zu erfüllen. Der „feindselige Sexismus“ bestraft Frauen, die sich den männerdefinierten Anforderungen und Rollen nicht anpassen. Der „freundliche Sexismus“ belohnt die Frauen für ihre Anpassung. Belohnung ist effektiver als Bestrafung. Frauen, welche die Erwartungen erfüllen, werden von den Männern geschätzt, beschützt und geachtet. Für den Erhalt der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist die Kombination beider Typen des Sexismus besonders günstig – sie erreicht, dass die Frauen bei der Aufrechterhaltung ihrer eigenen Unterordnung kooperieren. Für Frauen ist der „freundliche Sexismus“ attraktiv: er entschuldigt das System als Ganzes und verspricht Belohnungen seitens der stärkeren Gruppe (Schutz, Bewunderung, Intimität).

In stark sexistischen Gesellschaften sorgen die Männer sowohl für die Bedrohung als auch für die passende – und einzig mögliche – Lösung, indem sie Schutz, Belohnungen und Liebe gewähren. Frauen haben in solchen Gesellschaften keine große Auswahl. Sie können den Schutz und die „Freundlichkeit der Männer“ ablehnen, dann müssen sie allerdings mit der harten männlichen Feindseligkeit fertig werden. Aber wenn sie den „freundlichen Sexismus“ akzeptieren, werden ihnen große Belohnungen und Erleichterung zuteil. Es ist ein Teufelskreis: Die Frauen sind gezwungen, Schutz zu suchen bei den Mitgliedern derselben Gruppe, die sie bedroht und unterdrückt, d.h. bei den Männern, und je größer diese Bedrohung ist, desto stärker streben die Frauen nach diesem Schutz und nicht nach Selbständigkeit.

In liberaleren Gesellschaften mit größerer Gleichheit zwischen Männern und Frauen haben die Frauen mehr Freiheit, beide Formen des Sexismus abzulehnen, denn sie sind (besonders wirtschaftlich) weniger abhängig von den Männern, und ihre Ablehnung der „entgegenkommenden Freundlichkeit“ ruft keine starke Feindseligkeit der Männer gegen sie hervor.

Der Beitrag der feministischen Forscherinnen

Ich begrüße sehr, dass die Entwicklung in den Gesellschaftswissenschaften die Erforschung von Themen wie dem hostilen und dem benevolenten Sexismus möglich gemacht hat. Diese wissenschaftlichen Untersuchungen möchte ich aber noch ergänzen. Der Zustand, wie er einige Jahrzehnte später durch die statistische Analyse der Antworten von mehr als 15.000 Frauen und Männern bestätigt wurde, ist von einigen Frauen bereits erfasst, beschrieben und tiefgehend analysiert worden. Ein Beispiel dafür kann der Ausspruch von Virginia Woolf sein, die schon im Jahre 1929 schrieb, dass die Gleichheit der Geschlechter erst dann eintrete, wenn man Weiblichkeit nicht mit mehr Beschütztwerden verbinde.

Von allen weiteren feministischen Autorinnen erwähne ich S. L. Hoagland (1995), die mit den Begriffen Gewalttätigkeit und Schutz genau das beschreibt und theoretisch analysiert, was die Psychologinnen und Psychologen mit ihrem standardisierten Fragebogen festgestellt haben.

Hoagland sagt über die Beziehungen der Männer zu den Frauen: „Der Mann tritt gegenüber der Frau entweder als Beschützer oder als Gewalttäter auf, und er gewinnt seine Identität mittels einer dieser beiden Rollen.“ (1999, S. 4) Zusammenhänge und Folgen, die sich aus dieser Art von Beziehungen zwischen Männern und Frauen ergeben, stellen sich nach Hoagland so dar:

- Um Schutz nötig werden zu lassen, muss eine Gefahr existieren. Es ist daher im Interesse der Beschützer, dass es Gewalttäter gibt.

- Eine Frau muss der Gefahr ausgesetzt sein - und in der Männerwelt ist sie ständig in Gefahr, weil sie als hilflos und wehrlos hingestellt, in die Opferrolle gedrängt und als Zielscheibe von Angriffen und Feindseligkeiten gesehen wird.

- Die Frau ist das Objekt männlicher Leidenschaft und daher Ursache dieser Leidenschaft. Bei Vergewaltigungen ist es die Frau, die den Mann in Versuchung führt. Frauen sind von Natur aus verführerisch, weshalb sie die Gewalttäter aktiv anziehen.

- Damit die Männer die Frauen beschützen können, müssen die Frauen bereit sein, so zu handeln, wie es sich die Männer vorstellen: weiblich wirken, die Männer nicht bedrohen, sich zu Hause aufhalten, Kontakte mit anderen aufgeben usw. Sie sollen nicht für ihren eigenen Schutz sorgen.

- Wenn Frauen aus dieser weiblichen Rolle ausbrechen, wenn sie beginnen, aktiv zu sein, wenn sie sich „versündigen“, dann bezeichnen die Männer diese Frauen als schlecht und wenden ihnen gegenüber offene Gewalt an, um so deren Opferstatus zu bekräftigen.

Die Ideologie des Schutzes von Frauen ist auf den ersten Blick verlockend, anziehend, voller Liebe und Besorgtheit. Sie hat jedoch den einen Zweck: die Ungleichheit und Abhängigkeit von Frauen aufrechtzuerhalten. Eine allein auftretende Frau, z. B. eine Anhalterin, ist keine schützenswerte Frau. Sie ist freiwillig zu einer Frau geworden, die sich ihres Rechts auf Schutz entledigt hat. Sie erfüllt nicht die Pflicht einer richtigen Frau sich beschützen zu lassen – von einem Mann. Die Beziehung der Männer zu Frauen hängt davon ab, wie sich die Frau verhält: so wie es ihr die Männer vorschreiben oder so wie sie es ungefragt für sich selbst entscheidet. Dadurch, dass das „Recht auf Schutz“ nur dann anerkannt wird, wenn sich die Frau nach bestimmten Regeln verhält (sie ist schwach, hilflos, passiv; sie muss Schutz wollen und brauchen), kontrollieren die Männer das Verhalten der Frauen. Die Logik des Schutzes ist dieselbe wie die Logik der Gewalttätigkeit, sagt Hoagland.

Wichtig und interessant ist auch die weitere Ausarbeitung dieses Themas. Hoagland illustriert am Beispiel „rückständiger Naturvölker“ wie die Gewinnung der Vorherrschaft, die Beherrschung einer Gruppe, in der Geschichte als Kolonisierung bekannt, verläuft:

- Die langfristige Demonstration von Stärke ist aufwendig, mühevoll und mit hohem Verschleiß verbunden, sie ist teuer und allzu offenkundig.

- Daher setzen die Beherrscher Werte durch, welche die Beziehung des Herrschenden zum Untergebenen als natürlich und normal erscheinen lassen.

- Eines der ersten Dinge, die zu tun sind, ist die Beherrschung der Sprache der Kolonisierten. Mit sprachlichen Mitteln lassen sich neue Werte einführen – die Werte der Kolonialherren, im Falle der Religion sind dies z. B. Begriffe wie Licht, Dunkel, Sendung, Gehorsam.

- Die Beherrschten sind gezwungen, die Sprache der Herrschenden, das Begriffsschema ihrer Weltanschauung und Weltordnung zu benutzen, so dass sie beginnen, sich die Werte der Herrschenden innerlich anzueignen.

- Die Beherrscher eignen sich die Ressourcen an und führen die wirtschaftliche Abhängigkeit der Beherrschten herbei, indem sie diese disqualifizieren. So können sie die Beherrschten leichter davon „überzeugen“, dass sie Schutz brauchen und ohne die Mächtigen nicht überleben können.

- Die Vorherrschaft wird als natürliche Erscheinung dargestellt. Die Männer sollen über die Frauen genauso natürlich herrschen wie die Kolonialherren über die Kolonisierten, ganz ohne das Gefühl, dass sie die Beherrschten unterdrücken, mit Ausnahme der Fälle von offener Aggression.

- Der grundlegende Begriff, der bei der Interpretation und Wertung der Wahl und des Handelns von Frauen verwendet wird, ist „Weiblichkeit“. Dank einer bestimmten Auffassung von Weiblichkeit wird die Vorherrschaft des Mannes zu einer normalen Erscheinung. Es geht um ein Verständnis von „Weiblichkeit“, das die Frau als untergeordnet und naiv und als zufrieden mit ihrer Position als Beherrschte hinstellt.

Die Ähnlichkeit der Machtanwendung im Falle der Unterwerfung „primitiver Naturvölker“, die für minderwertig gehalten werden, mit der gegenüber Frauen lässt sich gar nicht besser illustrieren.

Die Enthüllung verborgener Perspektiven

Die Botschaft, die ich mit diesem Text herüberzubringen versuche, hat der tschechische Philosoph M. Petricek jr. so formuliert: „Wir sehen nicht, dass wir einen manipulierten Blick haben, denn das, was durch die Manipulation ausgeblendet wurde, hat sein Los akzeptiert. Bis zu der Zeit, als der Feminismus kam, der dieses Schicksal benannt und abgelehnt hat.“ (1994, S. 57)

Die Welt, in der wir leben, rückt Weiblichkeit und Frauen an den Rand. Ihr Zentrum ist das männliche Prinzip. Diese Welt dringt in das ureigenste Bewusstsein der Frauen ein und verwandelt es in ein männliches Bewusstsein, so dass Frauen die feindlich gestimmte Haltung gegenüber dem weiblichen Prinzip teilen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Der französische Philosoph P. Bourdieu spricht vom „männlichen Blick im Blick der Frau“; für diese Beziehungen der Unterordnung und Vorherrschaft zahlen jedoch letztendlich beide Seiten ihren Preis. (2000)

Daher gibt es gute Gründe dafür, andere Blicke auf Frauen, Männer und ihre Beziehungen zu entdecken, als die uns von den Stereotypen dargebotenen. Sie werden uns helfen, die Grenzen abzulehnen, die uns als „natürlich“, „ewig“ und damit auch als endgültig angetragen werden.

Literatur

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Supeková, M.: Trh práce — nová forma diskriminácie žien? In: Psychologie v ekonomické praxi 1997, 32, Nr. 1–2, S. 11–22.

Woolf, V.: A room of one’s own. Harcourt Brace Jova-novich, New York 1929/1981. Auf slowakisch: Vlastná iz-ba. Kalligram, Bratislava 2000.

Ženy a muži na Slovensku. Koordinaèný výbor pre problematiku žien. Bratislava 1998.

Viera Baèová, researcher in the field of social psychology, university teacher, the head of the Institute of Psychology at the Prešov University.

In feminist cultural journal Aspekt she published several academic essays:
Èlovek ako muž a èlovek ako žena v psychologickom bádaní (Human being as a man and human being as a woman in psychological inquiry). In: Aspekt - 3/1998 Violence Against Women I.
Feministický výskum (Feminist research). In: Aspekt - 1/1999 Violence Against Women II.
Èo si myslia adolescentní chlapci a dievèatá o úlohách ženy a muža v rodine (What do adolescent boys and girls think about women´s and men´s roles in the family; co-authored with Gabriela Mikulášková). In: Aspekt - 1/2000 One Is Not Born a Woman.
Osobná identita ako text (Personal identity as a text). In: Aspekt 2/2000-1/2001 Patriarchy.
Postavenie mužov a žien vo svete práce – poh¾ad dievèat a chlapcov (The status of men and women in the labor market – girls´ and boys´ views). In: Aspekt - 1/2003-2004 Herstories of Women.

Her book reviews focused literature on violence against women and psychological issues:
Review of L. L. Heise - J. Pitanguy - A. Germain: Násilie páchané na ženách. Skrytá ujma na zdraví. In: Aspekt - 3/1998 Violence Against Women I.
Review of L. Dow - S. Dowrick - J. Harding: Násilie v rodine. Super tajné. In: Aspekt - 1/1999 Violence Against Women II.
Review of Gisela Braun - Dorothee Wolters: Ve¾ké a malé nie. In: Aspekt - 1/1999 Violence Against Women II.
Review of Cheryl Benardová - Edit Schlafferová: Matky dìlají muže. In: Aspekt - 1/2000 One Is Not Born a Woman.
Review of Naomi Wolf: Mýtus krásy. In: Aspekt - 2/2000-1/2001 Patriarchy.
Review of Tove Skutnabb-Kangas: Menšina, jazyk a rasizmus. In: Aspekt - 2/2001 Dramas.
Review of Karen Horney: Psychológia ženy. In: Aspekt - 1/2003-2004 Herstories of Women.
Review of Ellen Bass – Kate Kaufman: Láska je láska. In: Aspekt - 1/2003-2004 Herstories of Women.
Review of P. A. Levine: Prebúdzanie tigra. Lieèenie traumy. In: Aspekt - 1/2003-2004 Herstories of Women.

Besides articles in the journal, she contributed to books published by Aspekt, too:
Ako sa vytvára ženskos. Spojenie moci a sebadefinovania (How femininity is made: The interconnections of power and self-defining). In: CVIKOVÁ, Jana – JURÁÒOVÁ, Jana – KOBOVÁ, ¼ubica (eds.): Žena nie je tovar. Komodifikácia žien v našej kultúre (Women Are Not Commodities: The Commodification of Women in Our Culture). Aspekt, Bratislava 2005, pp. 173-191.

Originally published in: CVIKOVÁ, Jana – JURÁÒOVÁ, Jana (eds.): Ružový a modrý svet. Rodové stereotypy a ich dôsledky (Pink and Blue World: Gender Stereotypes and Their Consequences). Aspekt, Bratislava 2005. (2nd edition.) Pp. 49-63. Translated by Angela Repka.

 

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