Irena Brežná liest in Wien aus dem Roman "Die undankbare Fremde"

Buchpräsentation Dienstag, 19. Juni 2012, 19:00 Uhr  

Hauptbücherei am Gürtel, 1070 Urban-Loritz-Platz 2a

Irena Brežná liest aus dem Roman "Die undankbare Fremde"           

Moderation: Daniela Strigl (Literaturkritikerin und Germanistin)

„Meine Mutter ist stark wie eine Kakerlake", sagte der Junge. „Eine Kakerlake zu Hause und eine in der Fremde ist nicht dasselbe", meinte die Psychologin.

Wir ließen unser kleines Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde.

Im Jahr 1968 beginnt Irena Brežnás schmaler aber hochkonzentrierter Roman, der auf engstem Raum Verletzung und Befreiung, Aufbegehren und wildes Um-Sich-Schlagen, Poesie und Versöhnung vorführt. Dies alles in einer Sprache, in deren Poesie sich harte Fakten knirschend einschieben wie Eisenstangen in ein Getriebe. Die Erzählerin verschlägt es in ein reiches Land, das ihr vorkommt wie ein sicherer Hafen von bizarrer Saturiertheit und Ordnung, ein von Zäunen verstelltes Paradies voller Ordnungshüter und Kehrmaschinen. Schon bei der Einreise wird ihr Name vom Grenzbeamten verstümmelt, er passt nicht recht ins Schweizer System. Dankbarkeit wird erwartet dafür, dass sie aufgenommen wurde, aber niemand kommt auf die Idee, sich dafür zu bedanken, dass sie kam. Als Heranwachsende rebelliert sie nicht nur gegen ihre Eltern, sondern vor allem gegen das fremde Gastland, das eine kleine Einheimische aus ihr machen will und sie nicht sie selbst sein lässt. Erst ganz am Ende gelingt die Versöhnung.

Wie Mini-Romane, Kondensate paradoxen Lebens, sind Szenen durch das gesamte Buch gestreut, in denen die Erzählerin, nun bereits eingebürgert und mit ihrem Schicksal halbwegs versöhnt,  als Dolmetscherin zwischen Emigranten und heimischen Behörden fungiert. So ungeschützt und schonungslos gegen sich und andere hat noch keiner über die Emigration  geschrieben, ein kleiner Roman mit großer Sprengkraft, ein Lebensbuch.

„... präzise und poetisch, warmherzig und unerbittlich - und dies alles zugleich." (Karl Markus Gauß, Literatur und Kritik)

Irena Brežná, geboren 1950 in der Tschechoslowakei. 1968 Emigration in die Schweiz. Journalistin, Schriftstellerin, Slawistin, Psychologin, Menschenrechtlerin. Zuletzt erschien ihr autobiographisch gefärbter Roman Die beste aller Welten. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den EMMA-Journalistinnenpreis und den Theodor-Wolff-Preis für ihre Kriegsreportagen aus Tschetschenien.

 

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red. Irena Brežná liest in Wien aus dem Roman "Die undankbare Fremde" In ASPEKTin - feministický webzin. ISSN 1225-8982. Uverejnené 30/05/2012. Získané 23/11/2019 - 03:27. Dostupné na http://aspekt.sk/node/888